Kino Welt

GEHEIM

THE SECRET AGENT

VERLEIH: PORT AU PRINCE PICTURES

KINOSTART: 06. NOVEMBER 2025

Brasilien während der Militärdiktatur im Jahr 1977: der 40-Jahre alte Marcelo Alves (Wagner Moura), ein Technologieexperte, flieht vor seiner unruhigen Vergangenheit nach Recife und versucht dort einen Neuanfang. In der Hafenstadt am Atlantik finden gerade die Feierlichkeiten zum jährlichen Karneval statt. Marcelo sieht seinen kleinen Sohn wieder und hofft, sich in Recife ein neues Leben aufbauen zu können. Gleichzeitig ist er Ziel von Morddrohungen und fühlt sich von seinen Nachbarn verfolgt und ausspioniert. Schon bald muss Marcelo erkennen, dass die Stadt kein gewaltfreier und sicherer Zufluchtsort für ihn ist. Die Gewalt des Militärregimes reicht weiter, als er je gedacht hätte. Er wird von Agenten verfolgt, die ihn wegen ehemaliger „subversiver Aktivitäten“ suchen.

Der Brasilianische Regisseur und Drehbuchautor Kleber Mendonça Filho („Aquarius (2016)“) präsentiert uns mit seinem vierten Film, „The Secret Agent“, den wichtigsten politischen Film des Jahres. Dieser Thriller ist sowohl film- als auch politisch-historisch geprägt und wird von dem Schauspieler Wagner Moura mit seiner fesselnden Leistung getragen.

Wie in jeden seiner Filme setz sich der Filmemacher mit den jeweiligen Gesellschaftlichen Ereignissen, Zwängen und Gegebenheiten seines Heimatlandes Brasilien auseinander und den Menschen die in ihnen leben. Mit chirurgischer Präzision schafft es der Regisseur die Details seiner Charaktere und ihre Interaktion mit den Gegebenheiten der jeweiligen Situation herauszuarbeiten. Dabei geht es in diesem Film nicht speziell um die damalige Militärdiktatur zu jener Zeit, sondern eher das exemplarische Herausarbeiten von menschlichen Unzulänglichkeiten in dieser politischen Situation.

Dieser Film ist spiegelt nicht nur einen entscheidenden Wendepunkt für die Fortführung der Brasilianischen „Cinema-Novo-Bewegung“ wider, sondern er ist ebenso politisch aufgeladen und spricht die ungeschminkte Wahrheit über die Macht aus. Formal und szenisch überwältigend, mit häufigem Einsatz von Split-Dioptrien und einzigartigen Kameraeinstellungen, um das Gefühl der Angst zu verstärken oder eine völlig andere Atmosphäre zu schaffen. Kleber Mendonça Filho findet sogar Zeit, in Genrefreuden zu schwelgen.

Neben dem hervorragenden Produktionsdesign und dem verführerischen Soundtrack findet der Film seine Seele in der fesselnden Leistung von Wagner Moura („Civil War“ (2024)). Er erschafft eine kraftvolle und überzeugend-authentische Leistung, die es zu Stande bringt, uns immer in Atem zu halten und mit jeder Wendung zu überraschen. Trotz seiner Laufzeit von fast 158 bewegt sich der Film mit großer Agilität, begleitet von einem tadellosen Schnitt, der nie den Faden verliert oder sich festfährt. Es gab am Anfang  jedoch so viel Material zu sichten, dass diese endgültige Schnittfassung des Films etwas gekürzt wirkt. Kleber Mendonça Filhos einzigartige und gewagte Vision, formverändernde Abschnitte zu verknüpfen, wird geschätzt, obwohl ich persönlich das Gefühl habe, dass das Ganze gelegentlich den Grad an Realismus überschreitet, den er sich erarbeitet hatte.

Thematisch ist „The Secret Agent“ ein Film über Identität, Zufälle und Zyklen, der geschickt mit dem Schicksal spielt. Der Film thematisiert außerdem die Macht von Fotos, Audioaufnahmen, Veröffentlichungen und Filmen, Erinnerungen zu rekonstruieren, uns in eine vergangene Zeit zu versetzen und Antworten auf Fragen zu finden, die uns bis heute beschäftigen. Dieser Film zeigt uns, wie wichtig es ist, diese Schätze zu archivieren und zu bewahren, damit neue und zukünftige Generationen ihre Wurzeln nicht vergessen und den richtigen Weg wählen. jens oliver marcks