IM GESPRÄCH
5 FRAGEN AN MICHAEL KERSTGENS by Thomas Ziegler
TO GO: Dein neuer Fotoband „1986“ ist gerade im Hartmann Verlag erschienen. Welche Bedeutung hat das Jahr 1986 für Dich aus damaliger Sicht und aus heutiger Sicht?
Im März 1986 war ich 25 Jahre alt und junger Vater geworden. Das war keine einfache Zeit, da ich noch ziemlich auf der Suche nach mir selbst war. Die Beziehung war instabil und zerbrach kurz darauf. Ich hatte gerade meine ersten Erfahrungen mit der Fotografie gemacht und mich gegen mein Grafik-Design-Studium, zugunsten der Fotografie-Kurse an der Folkwang-Hochschule (damals innerhalb der GHS Essen) entschieden. Mit S/W-Fotografien über den britischen Bergarbeiterstreik 84/85 hatte ich ersten Erfolg und habe mich damit um ein hochschulinternes Stipendium zum Thema „Freizeit“ beworben. Ich bekam das Stipendium, weil ich ein schlüssiges Exposé verfasst hatte. Mich interessierte die neue Freizeitmode, Pink-Gelb, Ballonseide, Stirnbänder, Jogginghose, usw. Das war außerhalb meiner eigenen ästhetischen Vorstellungskraft, aber trotzdem überall zu sehen. Deshalb entschied ich mich für das 6×7 Mittelformat und Farbfilme, was damals sehr zeitgenössisch war. Das die Zeit damals zugleich der Beginn der sogenannten Dienstleistungsgesellschaft war, und zeitgleich das Ende der Schwerindustrie, war international, und vor allem im Ruhrgebiet, offensichtlich. Es war die Zeit der Deregulierungen der Finanzmärkte, dem Abbau von Zöllen. Die subventionierte Schwerindustrie war schlicht zu teuer und unrentabel. Dies wurde auf den G7-Gipfeln in London 1984 und Bonn 1985 von Reagan, Thatcher, Kohl usw. beschlossen. Es war der Start der hemmungslosen Globalisierung. Wohin das geführt hat, wissen wir heute. Also begann ich damals zu suchen, wo ich diesen Freizeit-Trend am besten finden konnte. Ein Trend, der zusätzlich durch neue, private Fernsehsender, wie MTV, RTL, etc. befeuert wurde. Und so begab ich mich auf die Suche nach der Freizeit. Es ist die Epoche der Vermischung von Sport-Industrie und Unterhaltungs-Industrie, zur Freizeit-Industrie.
TO GO: In welcher Hinsicht kann man das Jahr 1986 mit dem Jahr 2020 vergleichen?
Heute habe ich – neben vier weiteren Kindern – eine großartige Tochter, die 1986 geboren wurde und der ich das Buch gewidmet habe. Ansonsten …beide Jahre sind Katastrophenjahre, wobei das Jahr 1986 für die 80er Jahre die Spitze der Katastrophen darstellt. Drei Schlüsseltechnologien hatten ihre größten Unfälle. Im Januar explodierte die Raumfähre Challenger, im April kam es zur Nuklear-Katastrophe in Tschernobyl und dann der Chemieunfall bei Sandoz in Basel, wodurch der Rhein durch das Löschwasser blutrot bis Mannheim verseucht war. Außerdem schlich sich Aids seit 1981/82 um den Globus. Das ist die Zeit als Kanzler Helmut Kohl die „geistig-moralische Wende“ ausrief. Die Immunschwäche wurde von Beginn an von konservativen Kreisen als „Schwulenkrankheit“ bezeichnet und die Regierung in Bayern überlegte ernsthaft Homosexuelle zu kasernieren. Das war auch damals schon bizarr, aus heutiger Sicht unfassbar. Zudem hat es viele nicht interessiert, weil sie „scheinbar“ nicht betroffen waren. Aufklärung über – und Kampagnen gegen – Aids gab es erst ab 1986, nachdem die Immunschwäche in Blutkonserven heterosexueller Menschen nachgewiesen wurde. Im 1986er-Ordner mit den Filmen und Kontaktbögen gab es immer fünf Filme, die ich nicht zuordnen konnte. Es waren keine Menschen darauf zu sehen. Es ist der Beginn der Arbeit am Projekt. Ich fing nach den Tagen Tschernobyl-Katastrophe Ende April, Anfang Mai an zu fotografieren. Leere Spielplätze, kaum oder keine Menschen auf der Straße. Daran erinnerte ich mich während des ersten Corona-Lockdowns, als ich mal aus dem Fenster schaute und kein Auto und kein Mensch zu sehen war. Dies war der Impuls den ich brauchte, mich zu erinnern und um mich intensiver mit den Fotografien aus dem Jahre 1986 zu beschäftigen.
TO GO: Gibt es für Dich ein persönliches, fotografisches Highlight im Jahr 1986 und warum?
Eigentlich nicht. Das Eintauchen in eine mir unbekannte Welt ist immer das Highlight. Es ist der Grund warum ich fotografiere. Ich kann in Lebenswelten eintauchen, die nicht meine Lebenswelt sind. Die Fotografie ist ein wunderbares Medium die Welt und andere Lebenszusammenhänge kennenzulernen. Ich versuche immer einzutauchen und ein Teil meiner Geschichten zu werden. Man könnte auch sagen: … inhaltliche Nähe, durch räumliche Nähe. Das heißt auch, dass ich immer einen großen Teil meiner eigenen Person einbringe, um diese Nähe aufzubauen. Noch heute empfinde ich große Freundschaft zu dem britischen Bergarbeiter, in dessen Familie ich 1984/85 gewohnt habe. Er schreibt mir Briefe und wir telefonieren zwei- dreimal im Jahr.
TO GO: Wenn Du Dir die Entwicklung der Fotografie zwischen den 80er Jahren bis heute betrachtest, wie würdest Du dies beschreiben?
Der Fototheoretiker und Kurator Dr. Klaus Honnef, der einen Text zum Buch geschrieben hat, hat es in einem Artikel auf den Punkt gebracht. Die Überschrift lautete „Die Bilder sind flach und die Welt ist eine Scheibe“. Es gibt noch heute großartige Erzähler, aber viele andere scheuen sich davor, eine Haltung zum Ausdruck zu bringen. In den letzten Jahren könnte man auch von der „Instagramisierung der Fotografie“ sprechen. Wisch und Weg; bloß nicht zu viel Inhalt. Zudem gibt es eine große Verunsicherung innerhalb der jungen Generation mit einer Kamera öffentlich zu werden. Dies, obwohl die „Knipserei“ mit dem Smartphone omnipräsent ist. Das hat die Menschen misstrauisch gemacht. Es fällt vielen jungen Fotografen schwer zu erklären, warum sie das eigentlich machen. Sie umgehen diesen wichtigen Schritt, indem sie sich für formal-ästhetische Lösungen entscheiden. Entscheidend ist für mich Relevanz, egal ob inhaltliche im sozialwissenschaftlich-gesellschaftlichen Sinn, oder im historischen, oder im künstlerischen Sinn. Diese Relevanz fehlt heute oft.
TO GO: Welche Kamera hattest Du 1986 und welche Kamera hättest Du damals gerne gehabt, die noch nicht auf dem Markt war?
Die Kamera, oder die Technik hat mich eigentlich nie richtig interessiert. Da ist die Serie aus dem Jahr 1986 eine Ausnahme. Ich habe mit einer Plaubel Makina 6×7 fotografiert, weil damals der Detailreichtum und die Stofflichkeit wichtig für mich war. Aber eigentlich ist die Technik nicht wichtig,
der britische Fotograf David Bailey sagte einmal: „It´s not the camera that takes the picture; it´s the person”.
Vielen Dank

