KULTURSCHOCK
CABARET VOLTAIRE
Shadow of fear
Shadow of funk
Dekadrone
BN9Drone
(Mute)
Ich bin immer wieder überrascht, welche Band nach unzähligen Jahren plötzlich ein neues Album aus dem Hut zaubert. Als ich die Info bekam, Richard H. Kirk will es noch einmal wissen, war ich gespannt wie ein Flitzebogen. Waren doch CABARET VOLTAIRE immer eine Band, die Trends gesetzt hatte, weit bevor diese überhaupt angenommen wurden. Zukunftsorientierte Klangmuster schafften sie am liebsten und glichen in manchen Phasen schon Anfang der 70iger der späteren Industrial-Bewegung. Doch was in den 70er Jahren als Punk betitelt wurde, ist heute Mainstream, was in den 80er Jahren Industrial war, ist heute Pop – doch was CABARET VOLTAIRE ausgemacht hat ist Einzigartigkeit und dieser Glanz besteht nach wie vor. Nun hat Richard H. Kirk es aber nicht bei einem neuen Album belassen. Er geht aufs Ganze und prägt wieder etwas, was vielleicht in zehn Jahren von anderen Künstlern nachgemacht wird, er veröffentlicht mal eben vier neue Scheiben in kurzen Abständen.
„Shadow of fear“ bietet acht Songs die in ihrer Fokussierung zielstrebig klingen, doch auf ganz eigenwillige Art und Weise so viele musikalische Schwankungen bieten, dass man sich fühlt wie in einer Zeitreise. Hin und her geworfen zwischen den Jahren 1978 und 2040 – kein Tippfehler, eher ein Versprechen. Surrealismus, der Band schon immer wichtig, prägt mit diesem Album ein neues Zeitalter und das belebt die Musiklandschaft. Gibt es auch als Doppelalbum in schickem lila.
„Shadow of funk“ ist eine EP, verfügt dennoch über 28 Minuten Spielzeit, was manche Band heutzutage gerade mal als Album zustande bringt. Sehr kraftvoll und bestimmt hämmern hier die Beats, technisch dynamisch mit vielen Synthiemelodien versetzt. Es fällt mir keine Band ein, die aktuell einen ebenso prägenden und aufregenden Sound produziert. Besonders „Skinwalker“ ist hier hervorzuheben, da die Industrialklänge brutal ausgelegt sind und einen einfach sprachlos stehen lassen.
Album Nummer drei beinhaltet nur einen Song. „Dekadrone“ ist 50 Minuten lang ein Stahlgewitter, welches mich manchmal an Throbbing Gristle erinnert, aber noch direkter an die Ohren geht. Ausgefallene Töne beherrschen den Song und lassen ihn immer wieder außerhalb jeder Melodiebridge stehen. Hier gilt es den Zuhörer vorzubereiten. Vorzubereiten auf „BN9Drone“ welches zum Abschluss am erscheint. 64 Minuten Richard H. Kirk in Höchstform. Bedrohlich wie eine Naturgewalt fegt er über den Zuhörer, gibt ihm keine Chance auszubrechen oder der Klangfolter zu entkommen. Wer glaubt mit „Mix up“ eine gnadenlose Soundkollage erlebt zu haben, dürfte nach allen vier Werken reif für die Klappse sein. Doch wer bereit ist für Kunst, wie man sie in 20-30 Jahren verstehen wird, der wird dankbar sein für ein musikalisches Genie namens Richard H. Kirk. Am Ende bleibt der größte Kulturschock der Nachkriegsgeschichte oder einfach nur Blümchen Sex für Verrückte.

