Buch Welt

LET`s TALK ABOUT…

…selfpublishing

Ein spannender Crosstalk zu dem wir in der Runde begrüßen: Birte Stährmann, Andre Milewski, Anke Schläger, CA Raven, Christina Degenhardt, Katharina Mohini, Sandy Mercier, Annemarie Bruhns und Virgil Kane. Vielen Dank für die Einblicke in eine Szene, die einfach viel mehr Zuspruch finden sollte.

 

TO GO: Welches waren Deine Beweggründe zu schreiben?

 

Birte: Ich habe schon als Kind Bücher lesend verschlungen. Da war früh der Wunsch bei mir, ebenfalls Geschichten zu erzählen.

Andre: Alles begann an einem langweiligen Samstagabend im Januar 2010 … Aus einer Laune heraus habe ich das erste Kapitel geschrieben, ohne daran zu denken, was noch alles vor mir liegt.

Anke: Ich hatte eine Idee, einen Laptop, Urlaub – und keine Ahnung, wie viel Arbeit ein kompletter Roman macht. Aber nach den ersten Kapiteln war Aufhören keine Option mehr.

CA Raven: Die Initialzündung dafür, eine eigene Geschichte zu schreiben, entstand aus dem Lesen einer Buch-Reihe, die für meine Begriffe mitten in der Handlung aufhörte. Ob es damals in den Neunziger-Jahren schon so etwas wie Fan-Fiction gab, ist mir nicht bekannt, aber man kann schon sagen, dass meine Anfänge dort lagen.

Christina: Ich habe mir schon immer viele Geschichten ausgedacht. Zuerst mit Kuscheltieren, Playmobil und Puppen, später nur noch in Gedanken, um gegen Langweile anzugehen. Nur die Legasthenie hat mich davon abgehalten, diese Geschichten auch aufs Papier zu bringen. Erst nach dem Abitur habe ich beschlossen, dass eine Lese-Rechtschreib-Schwäche vielleicht ein Hindernis ist, jedoch nicht „unmöglich“ bedeutet.

Katharina: Die Geschichten, die in meinem Kopf herumgeisterten mussten und müssen einfach raus.

Sandy: Ich brauche das Schreiben, um meine Gefühle und Erlebnisse zu verarbeiten.

Annemarie: Es ist ein schönes Gefühl eigene Charaktere zu schaffen. Ich habe immer die Frage „Was wäre wenn?“ im Kopf und von der ausgehend entwickelt sich ein Netz an Möglichkeiten. Einer dieser Pfade leuchtet auf und es macht Spaß diesem zu Folgen und Worte zu finden, um diesen Weg zu Papier zu bringen und zum Leben zu erwecken.

Virgil: Schreiben ist das Ventil für das innere Beast. Jeder braucht so etwas. Für manche ist es Sport, für andere Musikmachen oder Töpfern. Für mich ist es das Schreiben.

 

TO GO: Wo bekommst Du Deine besten Inspirationen?

 

Birte: Aus Reportagen in Zeitungen, bei Reisen, am Meer und bei Spaziergängen im Austausch mit meinem lieben Mann und Lektor meiner Romane.

Andre: Comics, Dokumentationen, Fachzeitschriften, Spaziergänge mit dem Hund durch die Natur.

Anke: Auf der Straße, im Auto, in der U-Bahn und auf jeden Fall von echten Menschen. Deshalb ist die Corona-Pandemie eine echte Herausforderung.

CA Raven: Tatsächlich oft dann, wenn ich gar nicht ans Schreiben denke. Das kann zum Beispiel beim Wandern sein oder auch während ich gerade einem Violinkonzert lausche. Und es sind oft die kleinen Absurditäten des Alltags, die gut für die eine oder andere Idee sind.

Christina: Für mich ist das Kino ein toller Ort für besondere Ideen. Ein dunkler Raum, tolle Bilder, spannende Geschichten. Ein knutschendes Pärchen, ein schnarchender Mann, zu laute Kinder.

Aber grundsätzlich reicht mir das Leben und ein bisschen Ruhe, um meine Gedanken schweifen zu lassen. Wichtig ist dabei ein leeres Notizbuch, denn was ich nicht gleich aufschreibe, ist auch sehr schnell wieder verflogen.

Katharina: Abends im Bett. Oder in der Badewanne. Ich bin die, die das meiste Papier in der Badewanne ertränkt.

Sandy: Vom Leben. Es klingt so plakativ, nur es ist genauso. Das Leben schreibt die besten Geschichten. Egal, ob es die eigenen Erfahrungen oder die von Freunden, Bekannten und Familie ist. Wichtig ist nur, dass ich aufmerksam durch die Welt gehe.

Annemarie: Im alltäglichen Leben. Die Inspiration zu meinem aktuellen Projekt hatte ich bei einem Spaziergang im Wald. Vor meinem geistigen Auge stand plötzlich eine Figur. Sie erschien immer wieder und nahm mich mit auf die Reise. Alles was um mich herum passiert, kann zu einem Teil einer Geschichte werden, deswegen schreibe ich auch gern, wenn ich unter Menschen bin und Stimmengewirr mich begleitet.

Virgil: Überall. Weniger abhängig von der Lokalität, eher von der Stimmungslage.

 

TO GO: Warum wird man Selfpublisher?

 

Birte: Weil man, in diesem Fall Frau, nicht geduldig genug war, nach wenigen Absagen weiter mein Glück bei Literaturagenturen zu versuchen, sondern ich mir gesagt habe: „Das kann ich auch selbst hinbekommen!“

Andre: Als ich 2011 versucht habe „Geheimakte Labrador“ bei einer Agentur oder Verlag unterzubringen, gab es einiges gutes Feedback, aber auch immer den Hinweis: „Sowas verkauft sich nicht./ Da gibt es keinen Markt für. etc. Pp.“ Das Selfpublishing war noch recht frisch (über Amazon KDP), also habe ich es einfach über diesen Weg herausgebracht. Und nicht bereut.

Anke: Zuerst und in meinem Fall: Weil Verlage und Literaturagenturen viel für gängige Genres übrig hatten und nichts für einen Weihnachtsroman jenseits von „Friede, Freude, Eierkuchen“. Inzwischen  mit viel Spaß an der Sache, weil sich jeder einzelne Roman besser verkauft hat als sein Vorgänger – und der letzte es auf Platz 30 der E-Book-Charts von Thalia.de schaffte, zwischen lauter Verlagstitel.

CA Raven: Wenn eine Geschichte veröffentlicht werden will, dann will man nicht ewig darauf warten, ob sich ein Verlag dafür findet. Außerdem gab es zu der Zeit, als ich mich an meine erste Veröffentlichung machte, noch kaum Verlage, die bereit waren, einen Nobody aus Deutschland ins Programm aufzunehmen.

Christine: Als ich „Trojan“ beendet hatte, brauchte ich einen Erfolg. Immerhin hatte ich mein Leben lang gehört, dass mir Wörter nicht liegen. Absagen von Verlagen konnte ich zu dem Zeitpunkt nicht gebrauchen. Selfpublishing war für den Anfang der richtige Weg für mich einzusteigen und dann habe ich die Freiheit schätzen gelernt. Ich kann selbst bestimmen, wie mein Buch aussieht, und wie es heißt, ebenso, wann es veröffentlicht wird und wie. Doch ist es mir wichtig, dass der Inhalt den gleichen Standard hat, wie ein Verlagsbuch. Ich würde niemals am Lektorat oder Korrektorat sparen. Ebenso überarbeite ich es selbst so oft, dass es die bestmögliche Fassung wird, die ich der Leserschaft bieten kann.

Katharina: Erst hat man viele Rosinen im Sack und denkt, die Verlage warten nur auf einen (Ja, ich gebe es zu). Heute bin ich längst kuriert. Ich schreibe meinen eigenen Stil und will kein Fast-Food für die Augen abliefern.

Sandy: Ich wurde Selfpublisherin, weil ich so alles in der Hand habe. Ich mag es, frei zu sein. Verlag hieß für mich damals immer erst mal warten und ich warte wirklich nicht gern.

Annemarie: Bei mir war es eine Mischung aus Neugier und Ungeduld. Neugierig war ich auf den Prozess einer Veröffentlichung. Auf jeden einzelnen Schritt, der aus einem Manuskript ein Buch macht. Und eine Verlagssuche kann sehr langwierig sein, deswegen habe ich gar nicht darüber nachgedacht, sondern mich direkt an die Arbeit gemacht.

Virgil: Weil man keinen Bock hat auf blasierte Verlage, Lektoraten, Layouter, Besserwisser. Anders gesagt: weil man konkrete Vorstellungen von seinem Buch hat und nicht damit umgehen kann (will), wenn andere dran rummachen.

 

TO GO: Was fehlt Dir als Selfpublisher?

 

Birte: Die Akzeptanz im Buchhandel. Mit wenigen Ausnahmen ist es schwer, im stationären Buchhandel in die Verkaufsauslage zu kommen.

Andre: Jemand, der meine Ablage erledigt. Vor ein paar Jahren hätte ich wohl auch noch geantwortet: „Zugang zum Buchhandel“, aber mittlerweile ist das nicht mehr relevant.

Anke: Es ist mir ein bisschen zu viel Einzelkämpfer-Dasein. Rund um eine Veröffentlichung hat man es mit sehr vielen Menschen zu tun: Dienstleistern, Bloggerinnen, Bloggern und denjenigen, die das Buch am Ende lesen.  Später, in der Zeit des Schreibens, bleibt davon wenig übrig. Das wäre durch die Zusammenarbeit mit Verlag oder Agentur vermutlich anders.

CA Raven: Mir fehlt die grundsätzliche Wahrnehmung in der Bevölkerung. Ich habe immer noch das Gefühl, dass es einen Teil der LeserInnenschaft gibt, dem gar nicht bewusst ist, dass (gute) Geschichten auch verlagsunabhängig produziert werden.

Christine: Eigentlich nur die Unterstützung beim Marketing. Doch die erhält ein Verlagsautor auch nur bedingt. Selbst entscheiden zu dürfen, bedeutet nun mal auch, dass man für alles selbst einsteht.

Zeitmangel ist immer ein Thema. Als Selfpublisher soll man am besten alle 4 Monate ein Buch herausbringen, wenn man davon leben will. Davon bin ich weit entfernt. Wenn ich einmal im Jahr ein neues Buch veröffentliche, war ich schon fleißig. Und doch ist jede Veröffentlichung eine weitere Sprosse auf meiner Leiter nach oben.

Katharina: Eine beachtete Werbeplattform und die Akzeptanz des Buchhandels.

Sandy: Na ja, der Nachteil am Selfpublishing ist, dass ich alles vorfinanzieren darf. Das ist besonders am Anfang schwer. Nun fehlt mir eher die Zeit. Weil Selfpublishing ein Business ist und dadurch sehr viele Entscheidungen und Aufgaben anfallen. Das raubt den kreativen Flow.

Annemarie: Am ehesten fehlt die professionelle Beratung. Das man von jemand Erfahrenen aus der Buchbranche an die Hand genommen wird und nicht alle Fehler selbst erleben muss. Eine Art Mentoring wäre noch etwas, dass der Selfpublisher Verband aufgreifen könnte, um dem entgegenzuwirken.

Virgil: Präsenz im Buchhandel, in den Medien, in den Feuilletons, bei den Promi-Botschaftern.

 

TO GO: Wie ist der Austausch untereinander?

 

Birte: Bei mir läuft er vor allem über die Sozialen Medien, wie Facebook. Bei der Frankfurter Buchmesse habe ich mich mit Mit-Autor*innen getroffen. Das war schön.

Andre: Im Allgemeinen sehr gut. Man hilft sich, man schätzt sich.

Anke: Da ich selbst an einer Tageszeitung volontiert habe und heute in der PR arbeite, gibt’s hier keine Berührungsängste.

CA Raven: Ich habe viele tolle Kontakte zu anderen AutorInnen. Wir helfen uns gegenseitig und bringen zusammen viele gute Aktionen an den Start, z.B. die Kurzgeschichten-Aktion #phantastischermontag.

Christine: Selfpublisher sind generell sehr kommunikativ und hilfsbereit. Ich liebe die Community der Schreibenden. Egal ob mit Verlag oder ohne. Unter Hashtags wie zum Beispiel dem #autor_innensonntag findet reger Austausch statt. Egal welche Frage oder welches Problem ich habe, an die Community kann ich mich immer wenden!

Katharina: Viele von uns sind Individualisten und doch haben sich viele gute Kontakte und Freundschaften aufgebaut. Im Großen und Ganzen können wir den Kollegen ihre Erfolge und unterstützen sie.

Sandy: Auch wenn ich immer mal wieder fiese Geschichten höre, habe ich bisher so gut wie nur schöne Erfahrungen machen dürfen. Es gibt nur wenige Ausnahmen. Grundsätzlich bin ich mit vielen Kolleginnen im Kontakt und wir helfen uns bei allen möglichen Themen. Gemeinsam wachsen ist einfach schön.

Annemarie: Ich nutze dafür hauptsächlich die sozialen Medien und habe sehr positive Erfahrungen gemacht. Man findet Gleichgesinnte und kommt schnell in einen lockeren Austausch. Ich habe mich auch schon mit der ein oder anderen Autorin persönlich getroffen und finde es inspirierend, lehrreich und spannend.

Virgil: Es gibt keinen.

 

TO GO: Was für Anregungen oder Wünsche würdest Du den Selfpublishern, in der dieser Runde, gegenüber äüßern?

 

Birte: Zeigen wir dem Buchmarkt mit unseren Werken, dass es sich lohnt, unsere Bücher zu kaufen, zu lesen und weiterzuempfehlen! Lasst uns den Buchmarkt rocken.

Anke: Wer einen Roman allein auf den Weg bringt, lernt eine Menge: Was macht ein gutes Cover aus, wie gestalte ich selbst den Buchsatz und die eigene Homepage, was hat es mit Rechtsfragen und Preisgestaltung auf sich … Davon kann man auch in anderen Bereichen profitieren. Am Ende darf man ruhig ein bisschen stolz auf sich sein und mit neuem Schwung das nächste Projekt beginnen. Es gibt genug Menschen, die vielleicht gerade darauf warten!

CA Raven: Es macht viel mehr Sinn, jedem anderen seinen Erfolg zu gönnen, als ständig nur darauf aus zu sein, sich erhöhen zu wollen, indem man andere heruntermacht.

Christine: Schreibt weiter. Gerade in Zeiten, in denen es auf der Welt so viele Probleme gibt, brauchen die Menschen Geschichten, in die sie abtauchen können. Einmal den Alltag vergessen, Gerechtigkeit erleben, Liebe finden. Geschichten können so viel bewirken!

Katharina: Verständnis dafür, auch mal über den eigenen Tellerrand zu schauen und das Ziel gemeinsam zu erreichen. Gute Geschichten zu schreiben und auf den Markt zu bringen. Und zwar so, dass sie nicht nur vom Plot sondern auch handwerklich einem Verlagsprodukt ebenbürtig sind.

Sandy: Ich würde mir wünschen, dass niemand aufgibt und an seinem Traum dranbleibt. Der Satz: „Selfpublishing ist ein Marathon und kein Sprint“, hat mir schon oft geholfen.

Annemarie: Lasst uns Netzwerken. Ein themenbezogener analoger oder digitaler Stammtisch oder ähnliche Veranstaltungen könnte ich mir im lockeren Rahmen vorstellen, um gegenseitig von den Erfahrungen zu profitieren. Wir sind eine große Gruppe, aber immer noch sehr einsam unterwegs.

Virgil: Eine Erfahrungsplattform wäre toll. Z.B. Marketing: was funktioniert/was nicht. Oder Technik: womit verfasst ihr eure Bücher, womit vertont ihr sie? Pros & Cons dazu. Aufbau von Schwarmwissen, das wäre toll!

 

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