M 16
20 JAHRE „M-16“
Mit Sicherheit eins der wichtigsten Alben von SODOM feiert Jubiläum. Thematisch nahmen sich Tom Angelripper, Bernemann und Bobby Schottkowski den Vietnamkrieg vor. Die Auseinandersetzungen zwischen Nord- und Südvietnam in den 60er Jahren. Ein durchgehendes Konzept und die letzte Zusammenarbeit mit Produzent Harris Johns, machen das Album zu einem Denkmal.
Jetzt kommt die 20 Jahre Edition bei BG heraus und dürfte jedem Sammler das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen, denn die Verantwortlichen haben sich alle Mühe gegeben ein würdiges Package zu liefern. Neben dem remasterten „M-16“ in Orange Vinyl finden sich in der Luxusausgabe auf 2 LPs in Black Vinyl offizielle Bootlegs aus den Jahren 2001 bis 2003, dazu ein Poster und ein Buch, alles verpackt in einer schwarzen Box. Ebenfalls gibt es das Album als 2-LP Set.
Oliver Williams sprach mit Tom Angelripper über das Album und ein wenig mehr.
PV: 20 Jahre „M 16“, fühlt man sich da „alt“?
Nein, man fühlt sich nicht alt, aber man ist bereits alt..hahaha… Aber stimmt schon, die Zeit rast dahin. Und im nächsten Jahr feiern wir 40 Jahre Sodom, unfassbar! Aber ich freue mich, dass ich auf eine so lange und lückenlose Karriere zurückblicken kann.
PV: Welche Bedeutung hat das Album für Dich aus heutiger Sicht?
Naja, da hängen natürlich viele Erinnerungen dran. Alleine, die Fotosession und die Album Promotion in Thailand und Vietnam waren etwas ganz Besonderes. Diese unvergesslichen Stories hat unser Freund Manni Eisenblätter besonders detailreich und exklusiv im beiliegenden Mediabook in der Box beschrieben. Manni hat uns auf vielen Gigs in unterschiedlichsten Ländern begleitet und hat stets seine Kamera im Anschlag gehabt. Dadurch konnten wir auch auf ein üppiges Bilderarchiv zurückgreifen. Es lohnt sich also, mal einen Blick reinzuwerfen. Aber jedes meiner Alben ist für mich bedeutungsvoll. Es gibt ja kaum jemand, der so viele Scheiben veröffentlicht hat, wie ich. Jedes einzelne hat seine Berechtigung. Mir fällt es da immer sehr schwer einzelne Platten herauszuheben oder gar untereinander zu vergleichen.
PV: Gerade zwischen 1997 und 2001 gab es viele Wirren innerhalb der Band bzw. eine neue Findungsphase. Welche Ursachen hatte das und wie wirkte sich das auf die Arbeit am Album „M 16“ aus?
Das würde ich so nicht unterschreiben. Wir waren immer in der Lage über alle Probleme zu sprechen und diese auch zu lösen. Ich war natürlich auch sehr viel mit der Onkel Tom Band und im Jahre 1999-2000 auch mit meinem Sideproject Desperados beschäftigt, das war für Bernemann und Bobby auch nicht gerade befriedigend. Hier und da gab es, wie in jeder Band, auch mal Spannungen, aber unsere Songs sollten darunter nicht leiden. Letztendlich habe ich mir auch das Recht rausgenommen, Entscheidungen zu treffen, die ich für richtig gehalten habe, auch wenn es dazu andere Meinungen gab. Aber Sodom stand bei mir immer an erster Stelle, das haben die Jungs letztendlich dann auch gemerkt und akzeptiert. Wir waren ja auch viel gemeinsam unterwegs, haben unendlich viel erlebt und sind echt gute Kumpels geworden. Die sogenannte Findungsphase war bereits mit dem Code Red Album abgeschlossen und wir wussten genau, wo die Reise hingehen sollte. M16 entstand sehr routiniert und professionell. Uns war es wichtig, Songs zu schreiben, die man nach einmaligem Hören nicht mehr vergisst. Die Refrains gingen auf ohne an Härte einzubüßen. Das ist uns auch sehr gut gelungen.
PV: Das wiederum würde ich unterschreiben. Kannst Du Dich noch an die damalige Produktion erinnern?
Ja, wir hatten die Scheibe bei Harris Johns im SpiderhouseStudio in Lütte (bei Belzig in Brandenburg) aufgenommen. Das war ein alter Landgasthof, den Harris günstig gekauft und als Tonstudio umgebaut hatte. Die Band war dann dort für drei Wochen eingekerkert und konnte intensiv und ungestört an den Songs arbeiten. Das hatte natürlich im Nachhinein ein ganz besonderes Flair und Spirit, was man der Produktion auch anmerkt. Wir waren ständig zusammen und nach getaner Arbeit ging`s dann auch an die Tränke und ab und zu wurde der Grill angeschmissen. Das hat uns natürlich zusammengeschweißt und war auch sehr hilfreich für die kommenden Aktivitäten. Wir haben uns in Lütte sehr wohl gefühlt und sind von Harris und seiner damaligen Lebensgefährtin bestens umsorgt worden.
PV: Wie bist Du damals an die Thematik rangegangen?
Mir war damals gar nicht bewusst, dass es am Ende ein sogenanntes „Konzeptalbum“ werden würde. Aber nachdem die ersten sechs Titel mit Texten über den Vietnamkrieg veredelt wurden, entschloss ich mich, für alle Songs bei der Thematik zu bleiben. Es klingt jetzt vielleicht ein wenig seltsam, aber mich hat dieser Krieg schon immer sehr fasziniert, die Art der Kriegsführung, die auf beiden Seiten unendliches Leid verursachte. Schon als Kind habe ich Fernsehberichte über den Krieg mitbekommen und die Anti-Kriegsdemos auch hier in Deutschland waren immer ein Thema, worüber zuhause auch diskutiert wurde. Später habe ich mir in der örtlichen Videothek den Film „Deer Hunter“ mit Robert de Niro ausgeliehen und war total angefixt. Auch spätere Filme zu dem Thema habe ich förmlich gefressen. Natürlich weiß ich, dass die Menschheit ohne Krieg offensichtlich nicht existieren kann, aber ich beschreibe in den Texten immer nur die menschlichen Abgründe sowie Szenarien aus Schlachten und Scharmützeln. Die Schrecken des Krieges inspirieren mich beim Schreiben meiner Texte.
PV: Zählst Du „Surfin bird“ zum Albumkonzept? Wenn ja, warum?
Dieser Song (bereits 1963 erschienen) ist ja untrennbar mit dem Vietnamkrieg verbunden, ähnlich wie der Stones Klassikern „Paint it black“ oder The Doors „The end“, die auch immer wieder in den Soundtracks diverser Hollywood Streifen verwurstet wurden. Und außerdem liebe ich diese Band The Thrashman. Für mich die erste Punkband schlechthin und alles andere als Mainstream. Für mich spiegelt der Titel das Lebendgefühl einer ganzen Generation wieder.
PV: „M 16“ war auch das letzte Album mit Harris Johns. Wie sehr prägte Harris dieses Album?
Ja, stimmt. Wir wollten nach Harris einfach mal andere Produzenten und Aufnahmemöglichkeiten testen, zumal die digitale Revolution auch in den Tonstudios Einzug hielt. Harris hat bei jeder Produktion seine unnachahmliche Handschrift hinterlassen und kümmerte sich um jeden einzelnen Musiker mit Hingabe, um das Beste herauszuholen. Wir haben ihm sehr viel zu verdanken. Ohne Harris wären wir wahrscheinlich schon Ende der 80er in der Versenkung verschwunden. Harris war immer wie ein viertes Bandmitglied aber auch immer ein loyaler Freund.
PV: Die Anniversary Edition ist sehr aufwendig gestaltet. Wie groß war Dein Einfluss in der Zusammenstellung der Vinylbox?
Es ist ja mittlerweile bekannt, dass ich kein großer Fan von Re-releases bin. Aber wenn man mit so viel Liebe und Hingabe diese alten Scheiben neu veröffentlicht, bin ich gerne dabei und öffne mein Herz und meine Archive. Mein Einfluss war schon ziemlich groß. Ich weiß ja, dass die Plattenfirma auch ohne mein Einverständnis und Zutun veröffentlichen kann, aber wenn ich mit im Boot sitze, wird es natürlich viel umfangreicher und besser. Ich bin froh, dass ich mit der BMG einen guten und kompetenten Partner gefunden habe, der dieselben Ideen verfolgt. Die Fans merken, wenn man viel Herzblut in die Sache gesteckt hat, um ein aufwändig hergestelltes Produkt anzubieten. Da geht es nicht nur ums Geld verdienen, denn bei so einem Box-Set ist die Gewinnspanne nicht sonderlich hoch. Man bekommt halt einen echten Gegenwert für seine Kohle.
PV: Warum hat die BMG dieses Projekt realisiert und nicht Steamhammer?
Die genauen Hintergründe kenne ich nicht, aber SPV hat den gesamten Sodom Back-Katalog an die BMG verkauft. Das kann natürlich ein Resultat der damaligen SPV Insolvenz gewesen sein, aber da kann ich nur spekulieren. Ich arbeite aber immer noch mit SPV zusammen, es geht ja auch um Veröffentlichungen zum 40 jährigen Jubiläum und auch ein neues Album ist im Gespräch.
PV: In der 4 LP Box befinden sich zudem Liveaufnahmen vom Wacken Festival 2001, Tokyo 2002 und Bang your head 2003. Wie sind Deine Erinnerungen an diese Auftritte?
Für die Box wollten wir unbedingt Live Bonusmaterial aus dem Zeitraum verwerten. Es gab leider nur ein paar Wav/MP3 Files, die unser Toni remastert hat. Diese Songs finden wir dann verteilt auf zwei LPs. Damals wurden die Gigs noch nicht im Mehrspurverfahren aufgenommen, es gab immer nur Stereomixe von den Gigs. Das ist aber die Garantie für echtes Live Material, man kommt nicht in die Versuchung, da nochmal Hand anzulegen. Das haben wir noch nie gemacht. Es gibt viele sogenannte Live Alben, die zu 80% im Studio nachgearbeitet wurden…leider! Im Wacken 2001 hatten wir ja zum ersten Mal in unserer Geschichte eine riesige Produktion aufgefahren. Das waren unvergessliche Momente. Zu der Zeit war ich ja Stammgast in Wacken und 2001 war dann Sodom mal wieder dran. Auch das BYH war der Hammer. Ich glaube, wir waren zum ersten Mal da auf der großen Bühne, das war auch unvergesslich. Damals waren wir auch regelmäßig in Japan. Zum Glück hatte ich da auch noch eine Pultaufnahme. Von der Show in Bangkok haben wir dann nochmal drei Titel remastert. Also, hier ist was für jeden dabei und die Sammler werden da eh zuschlagen.
PV: Da Pandemiebedingt die Liveauftritte fehlen, arbeitest Du intensiver an neuem Studiomaterial?
Na klar. Ohne die Pandemie hätten wir unser letztes Album „Genesis XIX“ wahrscheinlich viel später veröffentlicht. Das war aber auch der einzige Vorteil. Die Pandemie hat uns aber schwer zugesetzt, da unzählige Gigs abgesagt oder verschoben wurden. Das ist natürlich auch in finanzieller Hinsicht eine Katastrophe, aber wir haben die Zeit intensiv genutzt. Wir treffen uns trotzdem 2- bis 3- Mal die Woche zum Proben oder zu Aufnahmen, das ist uns auch sehr wichtig, am Ball zu bleiben. Wäre aber schön, wenn es jetzt wieder in gewohnter Manier weiter gehen könnte. Aber ich glaube, der Virus wird uns erhalten bleiben, wir werden uns damit arrangieren müssen, ob wir wollen oder nicht. Aber wir lassen uns dadurch unsere Laune nicht verderben.
PV: Zählen VENOM immer noch zu Deinen wichtigen Einflüssen oder gibt es eigentlich keinen direkten Einfluss auf Deine Musik mehr?
Ja, absolut. Ohne Venom‘ s erstes Album, würde ich jetzt nicht hier sitzen und diese Zeilen schreiben. Ich glaube auch, dass sich die gesamte Metalszene anders entwickelt hätte. Ich bin immer noch ein großer Fan der ersten Venom Scheiben. 1981 war es etwas Neues, bisher Unvorstellbares. Aber mittlerweile habe ich keinen direkten musikalischen Einfluss mehr. Es gibt keine von den neueren Bands, die mich noch inspirieren könnten.
PV: Auch der SODOM Song schlechthin „Bombenhagel“ hat einen neuen Anstrich bekommen. War das schon lange ein Herzenswunsch?
Ich erinnere mich noch daran, dass es 87 zu Bombenhagel mal eine Single und ein Videoclip gegen sollte, aber dazu ist es leider, warum auch immer, nie gekommen. Nach Tonis Einstieg, haben wir viele Songs für kommende Setlists geprobt und bei „Bombenhagel“ hatte ich das Gefühl, jetzt endlich mal einen Trommler zu haben, der den Song kapiert und auch so interpretieren kann, wie Chris Witchhunter. Das war echt genial. Natürlich gibt es viele Menschen, die das Original aus 1987 besser finden. Mir geht es bei meinen Lieblingsbands ja genauso. Die neue Version beschreibt aber den aktuellen Zustand der Band und man merkt, dass wir versuchen, den Spirit der glorreichen 80er in die neuen Songs zu transformieren. Außer dem „Erweiterungsarrangement“ bei dem Hymnenpart ist ja im Prinzip alles beim Alten geblieben. Auch Harris hat wieder sein Solo dazu beigesteuert.
PV: Du bist einer der wenigen Musiker die ich kenne, die diese ganzen „Corona Konzerte“ als unrealistisch einstufen, so wie ich auch. Was läuft hier grundsätzlich schief?
Das war für mich nie eine Option. Metal Konzerte leben vom Zusammenspiel der Fans mit der Band. Im Prinzip ist die Band nur nebensächlich, es geht um das Gemeinschaftsgefühl und den Zusammenhalt in der Szene. Das geht nur mit „echten“ Live Konzerten. Wir hatten viele Anfragen, zwecks Auftritte in Autokinos oder in unterbesetzten Clubs, aber die habe ich stets abgelehnt. Einen Live Stream könnte man ja machen, die Fans würden sich weltweit darüber freuen. Wer dann was spenden will, gerne. Aber verkaufen würde ich das nicht. Und es kann niemals einen richtigen Gig ersetzen, wo der Schweiß von den Wänden rinnt und das Bier in Strömen fließt. Gerade wir genießen den direkten Kontakt zu unseren Fans. Stagediven ist bei uns ja fast immer erlaubt, die Fans sollen den Gig mitgestalten. Und auch die meet&greets nach der Show sind bei uns Pflicht. Wir sind keine Rockstars, wir sind einfach nur Metal Fans, die mal für eine gewisse Zeit auf der Bühne stehen und danach wieder für unsere Fans persönlich da sind.
PV: Sind Musiker anscheinend nur gut, wenn die Politiker kostenlos ins Konzert dürfen?
Kann ich nichts zu sagen. Wir machen die Musik ausschließlich für uns und unsere Fans. Von der Politik werden wir Künstler eh im Stich gelassen. Ich bin sehr enttäuscht von denen. Kultur zählt hier im Lande leider nicht viel.
PV: Wie politisch waren SODOM damals und wie ausgeprägt ist das heute?
Ich habe mich schon immer sehr für Politik interessiert. Politik geht uns alle an. Politisch aktiv bin ich leider nicht, dafür fehlt mir die Zeit. Aber die Musik gibt mir die Möglichkeit, meinen Unmut auf der Bühne herauszuschreien. Auf politische Parolen hingegen, wartet man bei uns vergeblich.
PV: Mit dem entsprechenden politischen Einfluss, was wären Deine wichtigsten zu regelnden Angelegenheiten?
Ob man mir jetzt glaubt oder nicht. Das wichtigste Thema ist tatsächlich der Klima- und Umwelt-Schutz, da bin ich sogar bei den Grünen. Da würde ich ansetzen. Früher war ich Mitglied im Nabu und WWF und hab mich für den Vogelschutz engagiert. Ohne eine intakte Natur hat auch die Menschheit keine Zukunft mehr.
PV: Früher waren Schallplatten die Einnahmequelle eines Musikers. Das wandelte sich dann zu den Konzerten und dem Merchandise. Erfahren wir jetzt wieder eine Umkehr?
Ich glaube nicht. Die tatsächlichen Einnahmen aus Plattenverkäufen sind zu gering und auch zu unregelmäßig. Wenn Musik wieder mal nur auf „Nicht-digitalen“ Tonträgern veröffentlicht wird, würde es funktionieren. Aber so wird es leider nicht mehr kommen. Tatsächlich sind die Einnahmen aus Konzerten das stabile Brot des Musikers, wenn das mal wirklich komplett wegfallen würde…oh Gott. Das wäre das Ende…oder vielleicht doch der Anfang einer politischen Karriere? Man weiß es nicht.
PV: Vielen Dank und ich wünsche Dir weiterhin viel Erfolg
Ich habe zu danken. War mir ein Vergnügen, Glückauf.

