ÜBERRASCHEND
KARLA
VERLEIH: EKSYSTENT DISTRIBUTION
KINOSTART: 03. OKTOBER 2025
Bayern 1962: Bei einem Familienausflug gelingt es der 12 Jahre alten Karla (Elise Krieps), vor ihren Eltern zu fliehen. Ohne Umwege geht das junge Mädchen zum nächsten Polizeirevier, um beim diensthabenden Richter Lamy (Rainer Bock) eine Anzeige auf der Grundlage des § 176 Strafgesetzbuch, sexueller Missbrauch von Kindern, zu erstatten. Karla nennt die juristische Chiffre, aber liefert zuerst keine weiteren Informationen.
Der Richter ist skeptisch, denn der Vorwurf des Mädchens ist ungeheuerlich: Ihr eigener Vater, Karl Ebel (Torben Liebrecht) soll sie missbraucht haben und jetzt für seine Taten einstehen. Richter Lamy nimmt sich der Geschichte an und versucht, mit Karla herauszufinden, was geschehen ist.
Zuerst aber wird sie zu ihrem eigenen Schutz in ein nahes Kinderheim für „gefallene Mädchen“ untergebracht. Dort lernt sie die minderjährige Waise und Prostituierte Ada (Carlotta von Falkenhayn) kennen und beide freunden sich in diesem rauen Klima des von Nonnen geleiteten Heims, an.
Nach und nach versucht der Richter, die Geschichte von Karla zu erfahren. Doch das ist gar nicht so einfach, da dem Kind oft die richtigen Worte fehlen, um sich ausdrücken zu können. Das hält sie aber nicht davon ab, aussagen zu wollen und ihr Schicksal zu teilen. Dabei steht ihr die große Prüfung noch bevor, als sie vor Gericht gegen ihre eigene Familie und vor allem gegen ihre Mutter Viktoria (Katharina Schüttler) die immer weggesehen hat während der Übergriffe, aussagen muss.
Je mehr Karla von ihrem Martyrium erzählt, desto mehr glaubt ihr auch der Richter und dieser wird nach und nach ein Führsprecher für Karlas Bestreben, ihren Vater endlich hinter Gitter zu bringen.
Mit dem Drama „Karla“ gibt die Regisseurin Christina Tournatzés, zusammen mit ihrer Drehbuchautorin Yvonne Görlach ihr hochemotionales Spielfilmdebut, dessen Geschichte sich auf einem wahren Fall bezieht.
Dieser wahre Gerichtsfall hat sich vor etwa 60 Jahren im unmittelbaren Umfeld der Drehbuchautorin Yvonne Görlach tatsächlich so ereignet. Über 10 Jahre lang begleitete Die Drehbuchautorin die Betroffene und rekonstruierte den Fall. Ein Unterfangen, das angesichts lückenhafter Aufzeichnungen der Gerichte zu einem Langzeitprojekt heranwuchs. Schritt für Schritt arbeitete sich Yvonne Görlach durch Prozessakten, sprach mit Anwälten und Richtern und verdichtete die gesammelten Versatzstücke zu einem fiktionalisierten Drehbuch. Vor allem aber sprach sie immer wieder mit der betroffenen Person selbst. Einer Person mit unglaublicher Selbstwirksamkeit und Resilienz, mit einer Geschichte, die erzählt werden musste. Vorallem ist dieser Fall so beklemmend, da er in einer Zeit spielt, in der man den Opfern solcher Verbrechen nicht glaubte und dann die Täter zu Opfern machte.
Doch was die Regisseurin Christina Tournatzés daraus macht ist grandios.
Ihr Film nähert sich seinem Thema mit großer Sensibilität und äußerst kunstvoll. Die Gespräche mit dem Richter Lamy spiegeln das Dilemma des jungen Mädchens wider. Karla spart die Details ihrer Erfahrungen aus, denn fände sie Worte, um die Erfahrungen mit dem übergriffigen Vater zu schildern, wäre das so, als würde sie den Missbrauch erneut erfahren. Lamys zunächst emotionslose Zurückhaltung verwandelt sich schnell in warmherzige Zuwendung. Er benennt das Problem eines Gerichtsverfahrens (»Aussage gegen Aussage«), geht aber bis an berufsethische Grenzen, um die Glaubwürdigkeit und Würde des Kindes zu verteidigen.
Die Autorin Yvonne Görlach hat den Film als Kammerspiel angelegt, die Regisseurin Christina Tournatzés macht daraus eine Erzählung, bei der die Kamera der Protagonistin kaum von der Seite weicht. Es ist, als würde man mit Karla einatmen, bevor sie spricht, als würde man mit ihr im Gleichschritt durch die widerhallenden Gänge des Polizeipräsidiums und des Gerichtsgebäudes laufen, ihre kindliche Perspektive einnehmen, die dennoch nie naiv ist.
Der Film selbst wird durch ein fabelhaftes Ensemble geprägt und glaubwürdig gemacht. Torben Liebrecht verkörpert den furchteinflößend wendigen Vater, Katharina Schüttler überzeugt als die verdrängende Mutter. Rainer Bock als Richter, flankiert von Imogen Kogge als resolute rechte Hand des Richters, profiliert sich als nimmermüdes Instrument der Gerechtigkeit.
Elise Krieps (Jahrgang 2010), Tochter von Vickie Krieps, schließlich ist in ihrer ersten großen Rolle nicht weniger als sensationell. Ihre Darstellung der Karla erscheint auf dem qualvollen Weg zur Wahrheit aufgeweckt, widerständig und juristisch versiert, dann wieder verschlossen und wortlos verzweifelt angesichts der Wucht, mit der im Gericht ihre Glaubwürdigkeit attackiert wird.
Hinzu kommt noch die Ausstattung von Maximilian Streichert. Er rekonstruiert die Vergangenheit anno 1962 in diversen Brauntönen. Düstere Farben dominieren in dem von Nonnen geführten Kinderheim, in dem Karla untergebracht wird. Es spiegelt Karlas Situation exakt wider in der sie sich momentan befindet.
SENSATIONELL UND BEKLEMMEND! jens oliver marcks
