WER IST BIRTE?
DIE KUNST DES VERWEBENS
Ihre Geschichten sind nicht nur Zeitreisen, sondern auch Städtereisen. Spielte ihr Debütroman „Der Duft nach Vanille“ noch in ihrer Heimat Stuttgart, so ging es in „Wellen kommen, Wellen gehen“ bis nach Barcelona. Roman Nummer 3 spielt größtenteils in Lissabon. Dabei hat sie immer das Gefühlsleben ihrer Schlüsselfiguren so gut im Blick, dass man davon ausgehen kann, dass hier auch ein Stück der Autorin selbst lebt und Träume, Wünsche und Erlebtes vereint. Großartig und sicher mit einer großen Zukunft beschieden offenbart sich hier ein großes Talent.
Text/Interview: Thomas Ziegler
Fotos: Torsten Köster
TO GO: Dein neues Buch „Schatten und Licht in Lissabon“ ist gerade erschienen. Bitte erzähl unseren Lesern etwas über die Geschichte, ohne zu spoilern.
In meinem Roman „Schatten und Licht in Lissabon“ lade ich die Leser ein, sich auf eine lange Reise zu begeben, die die Jahrzehnte von 1933 bis ins Heute umspannt. Ich erzähle die miteinander verflochtene Geschichte mehrerer Frauen, ihrem Leben, Leiden, Lieben, und zeige, wie das Gestern ins Heute wirkt. In einem Erzählteil spielt das Thema „Flucht“ eine Rolle. Es wird aus der Perspektive der zu Beginn des Romans zwölf Jahre alten Judith erzählt; dadurch wird dem Thema etwas von seiner Schwere genommen. Wenig bekannt ist bei uns die Rolle, die Lissabon im Zweiten Weltkrieg einnahm – als letzter offener Hafen mit Zugang zum Atlantik. Dementsprechend voller Flüchtlinge war Lissabon. Aber der Roman bleibt nicht in der Vergangenheit verhaftet. „Schatten und Licht in Lissabon“ ist ebenso eine Geschichte, die im Heute spielt. Die aus Stuttgart stammende 41-jährige Miriam steht eigentlich mitten im Leben. Mit dem Tod ihrer Mutter wanken ihre Grundfesten und sie entschlüsselt ein langgehütetes Geheimnis. Mirjam begibt sich auf eine Reise nach Lissabon, auf der Suche nach ihren Wurzeln. Nicht zuletzt ist der Roman auch eine Liebeserklärung an Lissabon. Ich nehme meine Leserinnen und Leser mit auf vielfältige Erkundungen in die Stadt des gleißenden Lichts mit der Melancholie des Fado.
Stuttgart 2018: Die 41-jährige Mirjam begibt sich nach dem Tod ihrer Mutter auf die Suche nach ihren Wurzeln und reist nach Lissabon.
Lissabon 1933: In Portugal finden die 13-jährige Stuttgarterin Judith und ihre Familie eine neue Heimat. In den Folgejahren wird Lissabon eine brodelnde Weltstadt voller Auswanderer, auf der Flucht vor den Nazis. Sie wollen Europa über den letzten offenen Hafen mit direktem Zugang zum Atlantik verlassen.
Erzählt wird die miteinander verflochtene Geschichte beeindruckender Frauen – ihrem Leben, Leiden und Lieben über mehrere Generationen hinweg, eingebettet in die Zeitgeschichte der dreißiger Jahre bis ins Heute. Ein atmosphärisch dichter Roman, der mit den Erzählebenen spielt.
TO GO: Wie hat die Arbeit an dem Buch begonnen?
Bei meiner letzten Lesung wurde ich gefragt, ob ich schreibe, um zu reisen, oder reise, um zu schreiben. Beides hängt eng zusammen. Bei „Schatten und Licht in Lissabon“ war es tatsächlich so, dass mein Mann Martin und ich eine Reise nach Lissabon geplant hatten und mir klar war, dass ich dort einen Roman ansiedeln will. Zunächst habe ich viel gelesen über Portugal und Lissabon – über die Geschichte des Landes, seine politische und gesellschaftliche Entwicklung. Bald wusste ich, auf welchen Zeitebenen ich meine Geschichte ansiedeln und welche Art von Roman ich erzählen möchte.
Im nächsten Schritt habe ich mir (fiktive) Biografien für meine Protagonisten ausgedacht, einen Stammbaum für sie erstellt und ein Handlungsgerüst vom Anfang bis zum Ende geschrieben. Dies hat sich durch die Recherchen und im Prozess des Schreibens natürlich immer wieder verändert, aber es hilft mir, im Schreibprozess und vor lauter Ideen nicht den Handlungsfaden zu verlieren. Danach folgte der wichtigste Teil der Recherche: Zwölf Tage haben wir 2018 in Lissabon verbracht und vor Ort recherchiert, 2019 waren wir nochmals vor Ort. Dort habe ich auch Interviews geführt, beispielsweise im Erinnerungscenter für Geflüchtete in Estoril und mit einer 90-jährigen deutschen Zeitzeugin, die in Lissabon geboren ist und dort ihr ganzes Leben verbracht hat. Mir ist es wichtig, meine Handlungsorte mit allen Sinnen zu begreifen und auf den Spuren meiner Protagonisten unterwegs zu sein. Das Essen selbst zu kosten, das ich im Roman beschreibe, die Wege zu gehen, die meine Protagonisten gehen, die Orte besuchen, die sie besuchen, der melancholischen Musik des Fado live zu lauschen und nicht nur auf CDs. So kann ich am besten in die Geschichte hineinfinden und bekomme ein Gespür für meine Erzählung. Ich schreibe ausführlich Tagebuch und halte die Empfindungen und Wahrnehmungen so fest, dass ich sie noch Monate später abrufen kann.
TO GO: Es handelt sich um deinen dritten Roman. Worin unterscheidet er sich aus deiner Sicht von den Vorgängern?
Der Roman umfasst eine größere Zeitspanne, spielt in Portugal und ist nicht so stark auf die Liebesgeschichte seiner Protagonisten fixiert – wenngleich die Liebe auch in diesem Roman alles trägt. Noch stärker als mein zweiter Roman thematisiert er den Einfluss, den die Vergangenheit und politische Systeme auf die Entscheidungen und den Lebensweg meiner Protagonisten haben. Obwohl die Zeitebene, die das Thema „Flucht“ aufgreift, in der Vergangenheit liegt, ist das Thema aktuell. Wir müssen uns heute immer wieder fragen: Wie gehen wir mit den Menschen um, die ihre Heimat verloren haben, geflohen und davon abhängig sind, bei uns in Deutschland Asyl zu bekommen? Was macht es mit Menschen, wenn nur der Pass oder das Visum zählt und der Mensch, der dahinter steht, zur Nebensache wird?
TO GO: Sind deine Romane für dich eine Entwicklungsgeschichte von Birte?
Ein Stück weit schon. Alle Romane haben das Thema Aufbruch, Suchen und Finden zum Thema. Auch in meinem Leben habe ich mich immer wieder aufgemacht und bin bereit gewesen für Veränderungen – bereit, etwas Neues zu wagen. Ich finde die Suche nach den Wurzeln auch für mein eigenes Leben spannend. Die Geschichte meiner Eltern und meiner Großeltern hat auch mich geprägt. Wer sich auf die Spuren seiner Vorfahren begibt, versteht selbst besser, wer er ist und wo er herkommt. Das sind Fragen, die mich immer wieder beschäftigen.
TO GO: Wer ist Birte?
Wenn ich das wüsste! Nein, ganz im Ernst: Eine glückliche, sehr dankbare Frau von 52 Jahren, die nach einem gescheiterten Erstversuch nunmehr vor gut elf Jahren die Liebe ihres Lebens finden durfte. Umgeben von Freunden, mit einem Beruf, der mir Freude macht, und vielen Ideen für Geschichten, die ich erzählen möchte. Einer großen Neugierde und Lust auf das Leben und der Sehnsucht nach dem Meer, das hier in Stuttgart leider weit weg ist.
TO GO: Erzähle unseren Lesern bitte etwas über deinen Werdegang.
Wollen die das wirklich alles lesen? Ich bin schließlich nicht mehr ganz jung!
TO GO: Ja sie wollen.
Geboren und aufgewachsen bin ich in der schönen Fördestadt Flensburg mit viel Meer in meiner Nähe. Nach dem Abi und einem spannenden Sozialen Jahr in einem Kieler Kinderheim zog ich der „Liebe wegen“ nach Stuttgart. Dort machte ich eine Krankenpflegeausbildung und arbeitete nach dem Examen auf einer onkologischen Station. Diese Arbeit hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, im Heute zu leben, nichts auf später zu verschieben, denn ich weiß nicht, was morgen ist. Seit der Ausbildung habe ich gern gelernt (in der Schulzeit fand ich das eher mühsam). Mein Wissen, mein Verständnis einer guten Pflege wollte ich weitergeben, wurde Lehrerin für Pflegeberufe und arbeitete insgesamt 14 Jahre als Lehrerin – erst an einer Kranken-, dann an einer Altenpflegeschule. Nach Aussagen vieler meiner ehemaligen Schülerinnen und Schüler habe ich das wohl recht gut hinbekommen. Dennoch war da immer auch die Sehnsucht, etwas Kreatives zu machen. Seit etwa dem vierzehnten Lebensjahr habe ich gern geschrieben (für Zeitungen und Fachzeitschriften) und früher auch gemalt – mein ursprünglicher Berufswunsch war Grafikerin oder Journalistin. Irgendwann hat sich dann eins zum andern gefügt. Bei meinem jetzigen Arbeitgeber hatte ich die Möglichkeit, in die Öffentlichkeitsarbeit zu wechseln, und machte berufsbegleitend ein Fernstudium zur Kommunikationswirtin. Nun verantworte ich in einem Non-Profit-Unternehmen mit einem Altenhilfe-, Tagespflege, Tagungs- und Gästebereich die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und das Fundraising. Für das Fundraising, auch Friendraising genannt, absolvierte ich 2008 ein Jahr lang eine berufsbegleitende Weiterbildung. Die beste Entscheidung meines Lebens, denn dort lernte ich meinen Mann Martin kennen.
TO GO: Wann hast du darüber nachgedacht, Bücher zu schreiben?
In der Ausbildung fing ich an, journalistisch zu schreiben, zunächst für ein Stuttgarter Stadtmagazin, und veröffentlichte viele Beiträge in Pflegezeitschriften. Als ich einen Artikel zum Thema „Schüleranleitung in der Pflege“ schreiben sollte, merkte ich, dass mir da so viel einfällt, dass es ein ganzes Buch werden könnte, und reichte meine Idee beim Lektorat des Verlags ein. Dieses Buch „Schüleranleitung in der Pflegepraxis“ ist nun als Standardwerk seit über 20 Jahren auf dem Markt lieferbar, in der mittlerweile fünften Auflage. Andere Verlage kamen mit Anfragen auf mich zu, ich hatte selbst weitere Ideen. Aber da war immer auch die Sehnsucht, selbst erdachte Geschichten zu erzählen, Romane schreiben zu wollen.
TO GO: Wie hat sich dein Wunsch entwickelt?
Mir war schnell klar, dass ich für diesen Wunsch einen guten fachlichen Input brauchte. Und ich hatte das Glück, dass die Stuttgarter Volkshochschule im Jahr 2006 einen „Jahreslehrgang Schreiben“ anbot, mit hervorragenden Dozenten. Ein Jahr lang gab es monatlich ein Wochenendseminar und dazwischen „Hausaufgaben“ zum Bearbeiten. Mich hat das Roman-Seminar bei Bernd Storz besonders begeistert; dort legte ich die Grundlagen für meinen ersten Roman „Der Duft nach Vanille“. Von dem dort Gelernten profitiere ich noch heute.
TO GO: Hast du Angst gehabt, deine Geschichten der Öffentlichkeit vorzustellen?
Natürlich! Nenne mir einen Autor, der das nicht hat. Da sind natürlich Selbstzweifel und die nagende Frage: „Sind meine Werke gut genug, um sie der Öffentlichkeit vorzustellen? Es gibt schon so viele Bücher, haben meine Romane da überhaupt noch Platz?“ Aber irgendwann war der Zeitpunkt da, wo ich es einfach wissen wollte, und ich wurde glücklicherweise nicht enttäuscht. Es gibt Leserinnen und Leser, die sich für meine Art des Schreibens begeistern. Das war vielleicht eine Erleichterung! Aber die Angst kommt bei jedem neuen Roman neu durch, zwar nicht so stark, dass ich schlaflose Nächte habe, aber Selbstzweifel sind da.
TO GO: Hast du als Kind schon Kurzgeschichten geschrieben?
Wie wohl jedes Kind dachte ich mir gern Geschichten aus. Als Jugendliche schrieb ich episch Tagebuch und ansonsten eher Gedichte, die ich „Gedankengedichte“ nannte, da sie ohne Reim auskamen.
TO GO: Haben dich deine Eltern mit Kindergeschichten unterstützt?
Ja, meine liebe Mutter dachte sich Gute-Nacht-Geschichten für meine ältere Schwester und mich aus und las uns sehr viel vor. Und es gibt ein Bild in meiner Erinnerung – ich bin wohl um die drei Jahre alt, sitze auf dem Boden und habe alle Pixie-Bücher im Kreis um mich herum aufgestellt. Solange ich noch nicht selber lesen konnte, dachte ich mir Geschichten zu den Bildern aus.
TO GO: Also bist du noch mit vielen Büchern aufgewachsen?
Jaaaa!!! Mit vielen eigenen und Bergen von Büchern, die ich in der Bücherei auslieh. Und zu den Geburtstagen und an Weihnachten wünschte ich mir Bücher. Ein Leben ohne Bücher? Das ist für mich nicht vorstellbar.
TO GO: Worin besteht für dich die Leidenschaft am Lesen?
Ich liebe es, die erzählten Geschichten mit eigenen Überlegungen und Bildern zu füllen und auch zwischen den Zeilen zu lesen. Es ist wundervoll, in schönen Sätzen zu baden, der Melodie der Sprache zu folgen, fremde Welten und Themen zu entdecken, mich mit den Protagonisten zu freuen, zu ärgern, zu leiden oder auf Wolke sieben zu schweben.
TO GO: Warum wartest du nicht auf eine Verfilmung deiner Lieblingsbücher?
Dann wüsste ich ja noch gar nicht, dass es meine Lieblingsbücher sind. Ich liebe es auch, gut gemachte Kinofilme anzusehen, aber nach gut 90 Minuten ist die Geschichte meist zu Ende erzählt. Mit Romanen dagegen kann ich weitaus mehr Zeit verbringen. Sprachbilder sind mir lieber als Bildersprache. Mein eigenes Nachdenken wird mehr angeregt, die jeweils erzählte Geschichte wird dadurch facettenreicher für mich.
TO GO: Warum verändert sich heutzutage die Wertigkeit der Bücher für junge Leute?
Viele junge Leute sind es nicht mehr gewohnt, sich eine lange Zeit auf eine Geschichte zu konzentrieren, sich auf sie einzulassen. Ihre Welt ist voll wechselnder Eindrücke, die in einer großen Dichte an ihnen vorbeirauschen. In den digitalen Medien scannen sie die Texte eher, als sie intensiv zu lesen. Aber es gibt auch die anderen, die ich weiterhin in ein Buch versunken in der Stadtbahn beobachte und die so in die Geschichte vertieft sind, dass sie nichts wahrnehmen von der Welt um sie herum.
TO GO: Hast du Ansätze, wie man dagegen wirken könnte?
Wie können junge Menschen zum Lesen verführt werden, wie können sie diese Welt voller sinnlicher Genüsse als lesenswert entdecken? Mit richtig guten Geschichten, die an ihrer Lebenswelt und Sprache anknüpfen, aber auch an ihren Gewohnheiten. Und mit pädagogischen Konzepten , die zu Hause und im Kindergarten ansetzen und ihr Interesse an Büchern wecken. Mit Räumen in Bibliotheken, in denen die Leselust atmosphärisch spürbar wird und es als cool gilt, sich dort aufzuhalten. Mit Menschen, die Geschichten beim Vorlesen sinnlich erlebbar machen und die Jugendlichen ganz ohne Computer und Filme ins Reich der Fantasie entführen. Mit Mitmachaktionen: An erster Stelle sollte immer gefragt werden, was die jungen Leute selbst an Ideen haben. Und mit einer Vermischung aus digitaler und geschriebener Welt: Geschichten, die miterlebbar sind beim Laufen durch die Orte, an denen sie handeln, die die Leser zur Interaktion auffordern oder ähnliches.
Es muss wieder als cool gelten, sich die Welt durch das Lesen zu erschließen.
TO GO: Wie siehst du die allgemeine Buchmarkt-Situation und die Chance, mit einem Independent-Werk sich zu behaupten?
Der Negativtrend der letzten Jahre wurde immerhin 2018 gestoppt: der Buchmarkt und die Leserzahlen erholen sich hoffentlich weiterhin langsam. Gleichwohl steigt die Zahl der Leser und Leser nicht proportional zu den Büchen, die Tag für Tag neu erscheinen. Und so buhlen immer mehr Bücher um ihre Gunst. Die Auflagenhöhe je Buch sinkt. Gerade für mich als Independent-Autorin ist das Netzwerken und die Bindung an meine Leserinnen und Leser wichtig. Ich bin darauf angewiesen, dass sie positive Mund-zu-Mund-Propaganda für mich betreiben. Entscheidend ist für mich auch die lokale Verortung. Hier in Stuttgart habe ich inzwischen einen gewissen Bekanntheitsgrad, da ich die Unterstützung lokaler Buchhandlungen habe, regelmäßig Lesungen mache und immer wieder Presseartikel über mich erscheinen. In anderen Städten dagegen kennt mich kaum jemand. Aber das wird sich mit dem Erscheinen dieses Artikels ja nun schlagartig ändern – meine Romane und ich sind in der Bundeshauptstadt Berlin angekommen. Wer weiß, wer dieses Interview liest und so auf mich aufmerksam wird? Nein, im Ernst, es ist schwer und zeitintensiv, mich und meine Romane einem größeren Publikumskreis zu erschließen, das sehe ich ganz realistisch.
TO GO: Aktuell hören wir von Insolvenzen großer Vertriebe, Zusammenschlüssen großer Buchhäuser, riecht das nach Ausverkauf?
Ausverkauf insofern, dass die Konzentration zu- und die Risikobereitschaft abnimmt. Verlage und Buchhandlungen pushen Autoren von Büchern mit Bestseller-Potenzial; die anderen Werke haben es dadurch entsprechend schwerer. Aber es gibt weiterhin vor allem Kleinverlage und Buchhandlungen, die gegen den Strom schwimmen und mutig eigene Wege der Veröffentlichung und des Verkaufs gehen.
TO GO: Hast du ausreichend Zeit, deiner Leidenschaft des Schreibens nachzugehen?
Es ist die Frage, wie ich „ausreichend“ definiere. Die ersten Wochen nach dem Erscheinen eines neuen Romans nicht, da ich da viel Zeit ins Marketing stecke, Buchhandlungen persönlich über mein neues Buch informiere, Lesungen organisiere und mache, auf Facebook aktiv bin und Presseanfragen beantworte. Aber all dies habe ich auch so geplant und es hilft mir zugleich, mich von meinem Vorgängerwerk zu lösen und mich zu öffnen für das, was als nächstes kommt. Und ich arbeite zu 80 Prozent und habe einen schönen, aber auch fordernden Beruf. Wir haben andererseits keinen Fernseher, keine Kinder, mein Mann schreibt inzwischen auch und wir schreiben oder recherchieren auch in unseren Urlauben. Da bleibt also noch genug frei gestaltbare Zeit übrig. Und als Indie-Autorin habe ich den Vorteil, dass ich keine Abgabe-Deadlines, außer den von mir selbst gesetzten, einzuhalten habe. Dadurch kann ich flexibel auf meine jeweiligen Lebensanforderungen und Herausforderungen reagieren.
TO GO: Siehst du dein Buch auch als eine Art Kunstwerk?
Eine spannende Frage, die ich mit „Ja“ beantworte. Denn das Schreiben von Romanen ist ein schöpferischer Prozess, der mich auf allen Ebenen des Seins herausfordert. Ich erzähle nicht eine Geschichte nach, die es schon einmal gegeben hat, sondern erschaffe etwas Neues.
TO GO: Lebst du deine Fantasien in den Büchern aus, oder sind es eigene Erlebnisse?
Sowohl als auch, das eine geht nicht ohne das andere. Die Reiseschilderungen, die in jedem meiner Romane einen wichtigen Stellenwert haben, basieren meist auf eigenen Erlebnissen und Wahrnehmungen.
TO GO: Was fasziniert dich an der deutschen Geschichte, die hier Thema in deinem Buch ist?
Es ist Faszination und Erschrecken zugleich, wenn ich mir die aktuelle politische Entwicklung, die Etablierung der rechtsdenkendenden und -handelnden AfD anschaue. Da frage ich mich schon: Haben wir nichts aus der Geschichte des Zweiten Weltkrieges gelernt? Woher kommt dieser Hass auf andere Religionen und Kulturen? Es ist etwas unendlich Kostbares, in einer Demokratie leben und seine Meinung frei äußern zu dürfen.
TO GO: Ist nicht irgendwann mal Schluss mit dem Zweiten Weltkrieg? Warum schreibst du keine leichte Literatur?
Solange es rechtsextrem und antisemitisch eingestellte Menschen gibt, kann für mich nicht Schluss sein mit der Thematisierung des Zweiten Weltkrieges. In meinem Roman geht es um die Facette Flucht, als eine Auswirkung von Kriegen. Welches Thema ist aktueller als dieses, auch wenn viele Menschen müde geworden sind, die damit verbundenen Fragen zu stellen und zu beantworten.
Warum schreibe ich keine leichte Literatur? Vielleicht, weil ich selbst nur selten leichte Literatur lese? So wie ich auch selten Fastfood zu mir nehme. Ich will nicht einfach unterhalten, ich will eine Haltung vermitteln. Mit meinen Romanen möchte ich auch zum Innehalten anregen und dazu, sich mit randständigeren Themen zu befassen. Und nicht zuletzt: ich lerne selbst gern dazu über Geschichte und Gesellschaft.
TO GO: Welches Buch hast du dir als letztes gekauft?
Gekauft, aber noch nicht gelesen: „Die Geschichte der Bienen“ von Maja Lunde; angeregt durch Norwegen als Gastland auf der Frankfurter Buchmesse. Zuletzt gelesen habe ich „Unsere wunderbaren Jahre“ von Peter Prange.
TO GO: Welche allgemeinen Änderungen würden deine Arbeit fördern und unterstützen?
Keine Lese-Flatrates mehr bei den E-Books, keine Buch-Piraterie, noch größere Offenheit für Independent-Autoren. Und: Lieber Bücher lesen statt Serien auf Netflix schauen!
TO GO: Woran arbeitest du gerade?
An einem Roman, der erneut auf zwei Zeitebenen angesiedelt ist. Dieses Mal stehen die sechziger Jahre und die Jetzt-Zeit im Zentrum. Der Roman führt in meine Heimatstadt Flensburg und nach Dinard in die Bretagne. Natürlich habe ich wieder vor Ort recherchiert. Mehr mag ich noch nicht verraten.
TO GO: Was möchtest du unseren Lesern noch mitteilen?
Wer bis hierher gelesen hat: Wow, solange hast du durchgehalten!? Es war ja ein sehr langes Interview. Danke für dein Interesse. Und natürlich würde ich mich sehr freuen, wenn du Lust bekommen hast, meine Romane zu lesen. Und wenn du etwas gelesen hast, ganz gleich wie es dir gefallen hat, dann schreibe bitte eine Rezension auf den Online-Portalen. Denn darauf sind wir Indie-Autorinnen besonders angewiesen, damit unsere Bücher bekannter werden und noch mehr Menschen erreichen. Und zu guter Letzt: Der Protagonistin meines neuen Romans, Mirjam, wird die Frage gestellt: „Welche Träume hast du, die ungelebt sind?“ Beantworte diese Frage für dich. Und dann: Lebe deine Träume!
TO GO: Vielen Dank
Wer Interesse bekommen hat, der sollte sich weitere Infos zu Birte Stährmann holen, oder sich ihre Bücher kaufen. Die Rezension zu „Schatten und Licht in Lissabon“ war in TO GO 12/2019, „Wellen kommen, Wellen gehen“ in Ausgabe 7/2019.
https://www.birte-staehrmann.de/
https://tredition.de/autoren/birte-staehrmann-16509/

